Tätowierer Chris Frutos beim Stechen eines japanischen Figur-Tattoos im Irezumi-Stil, Autark Tattoo Studio Berlin Charlottenburg

入れ墨 — Irezumi verboten, gebrandmarkt, gefeiert

Wie japanische Tattoos den Weg von der Strafe über den Untergrund zur Weltkunstform zurücklegten und warum Japan selbst noch immer zögert.

Kaum ein Kunststil trägt so viel Geschichte unter der Haut wie das Irezumi. Einst Brandmal für Kriminelle, dann geheimes Symbol der Unterwelt und heute an den Wänden der renommiertesten Tattoo-Studios weltweit.

Was bedeutet Irezumi überhaupt?

Der Begriff Irezumi (入れ墨) bedeutet wörtlich „Tinte einsetzen“ und etablierte sich um 1720 in der Edo-Zeit als gängiger Begriff, allerdings zunächst ausschließlich im Kontext von Straftätowierungen. Das ist kein Zufall. Wer in Japan von Irezumi spricht, wählt damit historisch belastetes Vokabular.

Traditionelle japanische Tattoos werden von Meistertätowierern, den sogenannten Horishi (彫師), bevorzugt als Horimono bezeichnet. Ein Begriff, der keine kriminellen Konnotationen trägt. Das Wort „Irezumi“ gilt in Japan vielen Kennern bis heute als abwertend.

Archäologisch lassen sich Tätowierungen in Japan bis in die Jōmon-Zeit zurückverfolgen. Erste Belege stammen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. Chinesische Reiseberichte aus der Yayoi-Zeit (300 v. Chr.–300 n. Chr.) beschreiben das Volk der Wa als umfangreich tätowiert, sowohl zu dekorativen als auch spirituellen Zwecken.

Tattoo als Strafe: die Edo-Zeit

Die entscheidende Wendung kam in der Edo-Zeit (1603–1868). Die Praxis der Bokkei (墨刑), der Straftätowierung, stammte ursprünglich aus China: Verurteilte wurden sichtbar mit Zeichen markiert, die ihr Vergehen anzeigten wie Diebstahl, Betrug, Vergehen gegen die Obrigkeit. Je nach Region und Delikt variierte die Stelle: Unterarm, Stirn, manchmal das Gesicht.

Das Perfide daran: Diese Markierung machte eine gesellschaftliche Reintegration nahezu unmöglich. Wer ein Bokkei-Tattoo trug, war dauerhaft geächtet. Viele Betroffene schlossen sich deshalb zusammen und legten damit ungewollt den Grundstein für spätere kriminelle Netzwerke, aus denen die moderne Yakuza hervorging.

720 Erste urkundliche Erwähnung einer Straftätowierung in Japan

1720 „Irezumi“ wird zum offiziellen Begriff für Straftätowierungen

1872 Meiji-Regierung verbietet alle Tätowierungen (Horimono)

1948 Legalisierung durch die amerikanische Besatzungsmacht

Das Verbot der Meiji-Zeit

Als Japan ab 1853 seine Grenzen für die Welt öffnete, stand die neue Meiji-Regierung vor einer Image-Frage. Das Land sollte modern, zivilisiert und westlich wirken. Tätowierungen, mit ihrer langen Verbindung zu Strafe und Kriminalität, passten nicht in dieses Bild.

1870 wurde zunächst die Straftätowierung (Bokkei) abgeschafft. 1872 folgte das umfassende Verbot aller dekorativen Tätowierungen (Horimono). Paradoxerweise durften japanische Tätowierer weiterhin Ausländer stechen! Das Gesetz betraf nur japanische Staatsbürger. Unternehmungslustige Horishi eröffneten Shops in den neu geöffneten Häfen und tätowierten europäische Matrosen und verbreiteten so ihren Stil unwissentlich über die ganze Welt.

Interessant: Während Meiji die Tattoos verbannte, kamen westliche Reisende und Adlige gezielt nach Japan, um sich von japanischen Meistern stechen zu lassen. Das Handwerk verschwand nach außen, aber es blieb lebendig.

Der Untergrund: Tattoos und die Yakuza

Das Verbot trieb die Kunst in den Untergrund. Horishi versteckten ihre Läden hinter falschen Firmenschildern. Und in den Kreisen derer, die ohnehin außerhalb der gesellschaftlichen Normen lebten, wurde das Tattoo zum Identitätsmerkmal schlechthin.

Innerhalb der Yakuza entwickelten sich großflächige Körpertattoos, sogenannte „Body Suits“ zu einem ausgefeilten System aus Loyalität, Rang und Schmerztoleranz. Wer einen solchen Body Suit trug, bekannte sich damit zu einer Lebensweise, die den gesellschaftlichen Ausschluss bewusst in Kauf nahm. Im Alltag blieben diese Tattoos verborgen unter dem Kimono, unter langen Ärmeln. Nur beim Sansha Matsuri in Asakusa durften Yakuza-Mitglieder ihre Tattoos öffentlich zeigen.

Wichtig zu betonen: Die Verbindung war nie exklusiv. Feuerwehrmänner der Edo-Zeit trugen Tattoos als spirituellen Schutz. Händler, denen es verboten war, ihren Wohlstand nach außen zu zeigen, ließen sich aufwändige Horimono als geheimes Statussymbol stechen. Das Tattoo war immer vieldeutiger als sein Ruf.

Symbolik: warum Irezumi so einzigartig ist

Japanische Tattoos denken in Kompositionen, nicht in Einzelmotiven. Ein Drache füllt den Rücken, Wellen schlagen darunter, Kirschblüten rahmen das Ganze. Jedes Element trägt Bedeutung und alle zusammen erzählen eine Geschichte.

Ryū — Drache
Kraft, Weisheit, Schutz — Element Wasser
Koi
Ausdauer, Überwindung von Widrigkeiten
Tora — Tiger
Mut, Stärke, Schutz vor Übel
Sakura
Vergänglichkeit, Schönheit des Augenblicks
Hō-ō — Phönix
Wiedergeburt, Triumph, Unsterblichkeit
Nami — Welle
Kraft der Natur, Unaufhaltsamkeit des Lebens
Die traditionelle Technik Tebori (手彫り wörtlich: mit der Hand meißeln) verwendet spezielle Nadeln und langsame, präzise Bewegungen. Das Ergebnis gilt als besonders tief pigmentiert und fließend, auch nach Jahrzehnten.

1948 bis heute: legal, aber nicht akzeptiert

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte die amerikanische Besatzung und mit ihr 1948 die Legalisierung des Tätowierens. Angeblich auch, weil die US-Soldaten massenhaft Nachfrage nach japanischen Tattoos erzeugten. Die gesellschaftliche Akzeptanz ließ sich per Gesetz jedoch nicht verordnen.

1948
Tätowieren wird legalisiert, gesellschaftliche Stigmatisierung bleibt bestehen.
1960er
Yakuza-Filme zementieren das Bild: stark tätowierte Gangster prägen die Popkultur.
1993
Zugehörigkeit zu kriminellen Banden wird strafbar. Yakuza beginnen, Tattoos zu vermeiden, um unerkannt zu bleiben.
2012
Bürgermeister von Osaka Toru Hashimoto startet Kampagne gegen sichtbare Tattoos bei Stadtangestellten.
2020
Wichtiges Gerichtsurteil: Tätowieren ohne medizinische Lizenz wird für legal erklärt, ein absoluter Wendepunkt.

Heute: zwei Welten

FRÜHER

  • Stigma durch Strafpraxis
  • Verbindung zu Yakuza & Unterwelt
  • Soziale & berufliche Ausgrenzung
  • Versteckt unter Kleidung
  • Gesetzlich verboten (1872–1948)

HEUTE

  • International anerkannte Kunstform
  • Weltweit begehrter Stil
  • In Japan noch immer kritisch betrachtet
  • Viele Onsen & Gyms: Zutritt verboten
  • Junge Japaner im Wandel

Die Ironie ist kaum zu übersehen: Während westliche Tattoo-Liebhaber nach Japan reisen, um von einem Horishi gestochen zu werden, oft mit jahrelangen Wartelisten, verbinden viele ältere Japaner das Bild eines tätowierten Menschen immer noch mit Kriminalität. Und ausgerechnet die Yakuza, die den Irezumi-Stil Jahrzehnte lang verkörperten, distanzieren sich heute zunehmend davon, um im Alltag nicht aufzufallen.

Ein Stil, der entwickelt wurde, um Menschen zu brandmarken, wird heute von Menschen getragen, die sich bewusst zu etwas bekennen.

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